Im Sperrgebiet
Als er ein Kind war, stellte Christoph sich die Erde als Scheibe vor. Sein Dorf lag am Ende der Welt, hinter der Grenze kam der Abgrund. „Hier lebten die Bewohner und ihre Bewacher“, sagt er auf der Fahrt in seine Heimat, einem kleinen Dorf im Harz. Christoph D.Brumme benutzt oft das Wort „Kasernierung“, wenn er von der DDR spricht. Das Dorf lag im Sperrgebiet, am Fuss des Brocken; drei Kilometer waren es vom Elternhaus bis zum Grenzzaun zwischen dem östlichen und dem westlichen Deutschland. Wer hier wohnte, durfte keinen Westbesuch empfangen und musste als politisch zuverlässig gelten. Jedes Kind wusste, dass man Grenzverletzer zu melden hat. Der Schulbus ins Nachbardorf wurde mit Hunden kontrolliert. Auf den fünfzig Kilometern in die nächste grössere Stadt gab es mindestens drei Kontrollen im Zug. Ihren Ausweis bitte. Wo wollen Sie hin? Nach Hause. Was haben Sie für eine Adresse? Steht doch im Ausweis. Ich will Ihre Adresse von Ihnen wissen.
Alle paar Jahre besucht Christoph sein Heimatdorf Elend, und jedesmal begegnet er jemandem aus seiner Familie. Vor zehn Jahren war es der Vater, ein beliebter Wanderführer im Harz. Eine Wandergruppe näherte sich auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Der kleine Mann da vorn könnte mein Vater sein, meinte Christoph zu dem Freund, der ihn begleitete. Als die Wandergruppe auf gleicher Höhe war, sagten Vater und Sohn einander guten Tag, wie es sich auf dem Land gehört. Dann gingen sie ihrer Wege, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.
Diesmal ist es die Mutter. Sie steht auf der Strasse, als wir langsam zum Elternhaus hochgehen. Zwanzig Meter sind wir von der leicht gebückten grauhaarigen Frau entfernt, als Christoph mich leise fragt: „Erkennt eine Mutter auf diese Entfernung ihr Kind?“ In dem Moment dreht die Frau sich um und geht mit müdem Schritt ins Haus. „Rate mal, wer ums Haus schleicht“, werde sie jetzt zum Vater sagen, meint Christoph. Er hatte eine ähnliche Szene schon einmal erlebt; damals war es sein ältester Bruder, der ums Haus schlich. „Der Alte traut sich jetzt bestimmt eine Woche lang nicht aus dem Haus, wenn er weiss, dass du da warst“, hatte der älteste Bruder gemeint, als ihm Christoph von seinem letzten Besuch im Dorf und der Begegnung im Wald erzählte.
Der Vater pflegte die Söhne im Keller zu verprügeln, damit die Nachbarn es nicht hörten; dort sassen sie auch die Dunkelhaft ab. Im Winter wurden in der Werkstatt bei Minusgraden rostige Nägel gerade geklopft; für jeden Nagel gab es einen Pfennig zusätzliches Taschengeld. Wie seine Brüder musste auch Christoph dem Vater beim ständigen Aus- und Umbauen des Hauses helfen. Nur am Samstag konnte er in den Ferien darüber verhandeln, ob er am Nachmittag Schwimmen gehen durfte. Das alles geschah in bester pädagogischer Absicht. „Sein Vater half ihm, vernünftig zu sein“, so sollte es später in Christoph D.Brummes Roman „Nichts als das“ über eine Kindheit im Sperrgebiet heissen. Die Ehe der Eltern war keine Liebesheirat, und die Kinder waren keine Wunschkinder. Die Mutter weinte viel. Das Argumentieren um des Argumentierens willen lernte das Kind vom Vater. Nur Christoph bringt es fertig, einen davon zu überzeugen, dass es billiger sei, zum ungestörten Schreiben für zwei Wochen nach Thailand zu fliegen, als zu Hause zu bleiben.
Nie benutzt Christoph die Namen seiner Geschwister, wenn er von der Familie erzählt. Mein ältester Bruder, mein zweitältester Bruder, meine grössere Schwester, meine kleinere Schwester, mein jüngster Bruder – alles andere wäre ihm zu persönlich. Nähe habe es unter den Geschwistern keine gegeben. „Wir wurden zum Verrat erzogen.“ Willst du eine Tracht Prügel bekommen oder willst du, dass einer deiner Brüder eine Tracht Prügel bekommt? Wenn sich dann ein anderer als schuldig erwiesen hatte, hiess es: Dann hast du beim nächsten Mal eine Tracht Prügel gut. Christoph wird nicht zur Beerdigung des Vaters gehen, ebenso der älteste Bruder und die jüngere Schwester, das steht jetzt schon fest. Der zweitälteste Bruder ist vor zwei Jahren an Magenkrebs gestorben. Die Nachricht überbrachte die jüngere Schwester. Sie hätte vom älteren Bruder informiert werden sollen, der aber wollte nicht mit ihr sprechen, so erfuhr sie es von einer Freundin. Sie fuhr zur Beerdigung. Dort sah sie die Eltern. Man sprach nicht miteinander, hatte aber Übung darin, denn bei der Beerdigung einer Bekannten war das Gleiche schon einmal passiert, und man hatte einander zugenickt. Der jüngste Bruder war als Baby oft allein gelassen worden, wenn die Mutter arbeiten ging. Stundenlang hörten die Nachbarn ihn schreien. Er war ein weiches Kind mit mädchenhaften Zügen, und er weinte immer gleich. Mit siebzehn wollte er den Vater umbringen. Heute wohnt er mit Frau und Kind im Haus der Eltern.
Ich hatte mir das Dorf anders vorgestellt: eng und finster, die Häuser ärmlich und grau, alles im Schatten des übermächtigen Brocken. In Wahrheit befindet sich das Dorf in einer sonnigen Talsenke, eine Spur zu gewöhnlich für eine Idylle. Die Häuser liegen verstreut und wirken so gepflegt wie die Gärten hinter dem frisch gestrichenen Zaun. Hier verfällt nichts, und so sei es auch früher gewesen, meint Christoph; das Ausbauen und Verschönern des Hauses sei auf dem Land der Lebensinhalt. Dass in diesem Dorf Menschen aus Afrika und Asien leben sollen, kann man sich schwer vorstellen, aber seit ein paar Jahren wohnen hier neben den fünfhundert Einheimischen auch zweihundertfünfzig Asylbewerber. Sie sind in den Offizierskasernen untergebracht, die nach der Aufhebung der Grenze leer standen. Wir sehen dann doch noch einen Mann aus Afrika, wie er von einem Einheimischen an einer Strassenböschung in Gartenarbeiten eingewiesen wird. In beiden Gesichtern ist wenig Begeisterung zu lesen.
„Im Dorf herrscht ein Geheimdienstmilieu. Du kannst Dich darauf verlassen, dass man uns hinter den Gardinen beobachtet“, sagt Christoph, als wir durch die ausgestorbenen Strassen gehen. Früher sei es nie so leer gewesen. Damals hatte kaum jemand ein Auto, und es gab Touristen. Denn seit der Erfindung des Kuraufenthalts ist der Harz eine Urlaubsgegend. Schon 1736 baute der mit Goethe befreundete Graf zu Stolberg-Wernigerode auf dem Gipfelplateau des Brocken ein „Wolkenhäuschen“, wo die Reisenden Schutz fanden. Um 1800 wurde das erste Reisehaus gebaut, und seither konnte man auf dem Brocken übernachten, bis er 1961 zum Sperrgebiet erklärt wurde. Trotzdem blieb der Harz auch zu DDR-Zeiten ein Feriengebiet. Aus den herrschaftlichen Hotels des 19.Jahrhunderts wurden FDGB-Ferienheime. Das Hotel Waldmühle beispielsweise hiess Donbas; hier verbrachten die Belegschaften ganzer Betriebe mit ihren Familien gemeinsam ihre Ferien. Der Urlaub im Sperrgebiet fand allerdings unter erschwerten Bedingungen statt. Die Feriengäste brauchten einen Passierschein und durften sich nur auf den rot markierten Wanderwegen bewegen, die ihnen auf einer Musterwanderung gezeigt wurden.
Heute heisst das Donbas wieder Hotel Waldmühle. Bei unserem Besuch fehlen die Gäste, wie in allen grossen Hotels der Gegend. Jetzt, wo man überall wandern darf, kommt niemand mehr her; die Brockenbesucher lassen das Dorf links liegen. Für die grossen Hotels finden sich keine Investoren, denn die sind nur am Fünfsterne-Bereich interessiert, und dafür „fehlt hier das Umfeld“, wie es taktvoll heisst. Wellness oder gehobene Gastronomie würden noch weniger ins Dorf passen als die Menschen aus Afrika. Im Ostharz isst man so, wie man vor dreissig Jahren auch in Westdeutschland gegessen hat. Die Speisekarten bieten die Wahl zwischen Rostbrätl mit Bratkartoffeln, Hamburger Schnitzel mit Bratkartoffeln und, das höchste der Gefühle, Steak au four mit Bratkartoffeln. Manchmal wird auch einfach ein Stück Fleisch auf einer Scheibe Brot serviert, denn eine Mahlzeit ohne Fleisch ist auf dem Dorf keine Mahlzeit. Seit der Einführung des Euro blieben die Touristen aus, sagt eine Hotelinhaberin im Nachbardorf. Ein Pensionsinhaber im Dorf nennt das Jahr 1996 als Anfang vom Ende und erzählt von der Abwanderung der Jungen. Christophs frühere Nachbarn sind davon überzeugt, dass es gleich nach der Wende bergab ging. Dabei ist die leicht hügelige, waldige Landschaft ein Märchen. Nur zwei Autostunden von Berlin entfernt wäre der Harz ideales Ferienwohnungsland.
Der Brocken, deutschester aller Berge, herrscht über den Harz – wie jedes Gebirge ein Grenzgebiet, seit alters her. Dorfnamen wie Elend verweisen darauf. In der Wirtschaftskrise der Zwanzigerjahre veranstalteten die Elender einen Wettbewerb, um dem Dorf einen zukunftsfreudigeren Namen zu geben; unter den Vorschlägen waren El Dorado und Waldesglück. Ein Irrtum, denn der Name Elend bedeutet nicht Unglück, sondern kommt vom mittelhochdeutschen eni-lendi und heisst Ausland – in der „Elendsburg“ lebten Mönche, die sich ausserhalb ihres Klostergebiets aufhielten. Ein Nachbardorf von Elend heisst Sorge, und auch hier trügt der Schein. Der Name kommt von „Zarge“, was Mauer oder Wall bedeutet. Seit Goethes Walpurgisnacht hallt diese wilde Natur- und Geisterwelt „zwischen Elend und Schierke“ in den Köpfen wider. „Seh’ die Bäume hinter Bäumen, / Wie sie schnell vorüberrücken, / und die Klippen, die sich bücken, / und die langen Felsennasen, / Wie sie schnarchen, wie sie blasen!“ Heinrich Heine konnte sich auf seiner Harzreise 1824 beim Aufstieg des Gefühls nicht erwehren, dass neben ihm ein Pferdefuss hinaufklettere. „Und ich glaube, auch Mephisto muss mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein äusserst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam.“ Dort erlebte Heine eine Walpurgisnacht unter Saufbrüdern mit, auf deren Höhepunkt der eine Schweizer unter ihnen zu weinen anfing. Er küsste die Hand des Erzählers und wimmerte „O Bäbeli! O Bäbeli!“
Im Dorf bemüht man sich durchaus um Gäste. Eigens für sie wurden die schmucken Holzschilder aufgestellt, die auf alles hinweisen, wonach Fremde suchen könnten. Geschäfte finden sich allerdings kaum auf den Schildern, die Fleischerei Schulze ist der einzige Lebensmittelladen. Früher kaufte man im Konsum ein, der heisst jetzt „Dies und Das“, ein Souvenirladen mit Gernröder Kuckucksuhren und Brockenhexen, aber ohne Öffnungszeiten. Dafür gibt es für jede Ferienwohnung einen Wegweiser, und Fremdenzimmer werden fast in jedem Haus angeboten. Auch Christophs Kinderzimmer wird seit ein paar Jahren an Gäste vermietet.
Wir besuchen die Schule im Nachbardorf. Immer noch blättert die gelbliche Farbe mit einem scharfen Stich ins Altrosa, allerdings steht nun „Brockenschule“ an der Hausmauer. Das Schulhaus sieht verlassen aus. Seit diesem Sommer stehe die Schule leer, denn es gebe nicht mehr genug Kinder, sagt eine Lehrerin, die nachsehen wollte, was wir auf dem Schulareal zu suchen haben. Sie hatte Christoph sofort erkannt. Die Schule war früher nach Lutz Meier benannt gewesen, einem Leutnant, der beim Dienst an der Grenze erschossen worden war, als er versuchte, eine Republikflucht zu verhindern, so lernten das die Kinder damals. Heute wird die Geschichte anders erzählt. Der Leutnant soll von den eigenen Kameraden erschossen worden sein. Die Lehrerin mag nicht viel dazu sagen, als gehörte es sich nicht, über solche Dinge zu reden.
Sie nennt Christoph bei seinem alten Namen, wie es alle im Dorf tun. Den Namen, bei dem ihn seine Eltern riefen, hatte er abgelegt, als er nach dem Bruch mit dem Vater nach Berlin gezogen war. Er kannte niemanden in der Stadt. Nach einer Woche lernte er jemanden kennen, und als der ihn nach seinem Namen fragte, hörte er sich „Christoph“ sagen. Wie er auf den Namen gekommen sei, wisse er nicht, vielleicht wegen einem Maler, den er damals verehrte. Was hast du nun wieder angestellt, habe er im ersten Moment gedacht. Aber weil in Berlin niemand etwas von seinem alten Namen wusste, gab es mit dem neuen keine Schwierigkeiten. Im Dorf denken die Leute, es sei ein Schriftstellerpseudonym. Sie fragen ihn, wie es ihm gehe in Berlin, aber an der Art ihrer Fragen merkt man, dass sie vom Stadtleben keine Vorstellung haben. Es mache ihn verlegen, in der alten Heimat mit seinem Kindernamen angesprochen zu werden. „Der bin ich ja nicht mehr.“
Zum Bruch mit dem Vater war es an dessen fünzigstem Geburtstag gekommen, Mitte der Achtzigerjahre. Der Sohn hielt ihm die Misshandlungen vor, worauf der Vater der Festgesellschaft mitteilte, sein Sohn wolle ausreisen. Der Bruch mit dem Sohn folgte zehn Jahre später: Als Christophs Roman erschien, enterbte ihn der Vater. Über das Buch wird im Dorf heute noch geredet, mehr als zehn Jahre nach dem Erscheinen. Sein Kindheitsroman habe ihn mit der Kindheit versöhnt. Mit den Eltern niemals. Der Vater sei immer davon ausgegangen, dass seine Kinder ihm nach dem Leben trachteten. „Und er hatte Recht. Wir alle hatten Mordgedanken“. Er selbst sei am nächsten daran gewesen, als er beim Bau der Garage helfen musste. Dem Vater einen Hohlbockstein ins Genick fallen lassen, das hätte wie ein Unfall ausgesehen. Vielleicht wäre es für ihn seelisch besser gewesen, den Vater umzubringen. Aber die Gefahr, Reue zu empfinden, wäre gross, ebenso die Gefahr, das Opfer im Nachhinein zu verklären. „Das Objekt wird im Moment des Verlusts zum Fetisch – deshalb sind die Ostler auch traurig über den Verlust ihrer Kasernierung“, sagt Christoph. Er hätte seinen Roman auch dann geschrieben, wenn er sich für seine Kindheit durch den Vatermord gerächt hätte. Die Berechtigung eines Mordes zu zeigen, ohne ihn zu rechtfertigen, sei ein hoher literarischer Reiz. „Nur was man ohne Erklärung versteht, ist es wert, erzählt zu werden.“
Christoph ist nicht der einzige Ostler, den ich kenne, welcher der Beerdigung seiner Eltern fern bleiben wird. Im Osten seien politische Konflikte im Privaten ausgetragen worden. Aus Widerstand gegen den Vater trat Christoph mit achtzehn in die SED ein. Der zweitälteste Bruder ging zur Armee und liess sich als Agent von der Stasi anwerben. Das alles, weil der Vater einen Hass auf den Staat hatte - das einzige, wofür der Sohn ihn halbwegs bewundern konnte. Manchmal allerdings fragte er sich, wie es möglich war, dass ein Bewohner des Sperrgebiets so lauthals über Staat und Kommunismus herziehen durfte, ohne dass es Folgen hatte.
Christoph D.Brumme weiss um den gefährlichen Stolz der Traumatisierten, die sich durch ihre Erfahrung überlegen fühlen. Leute, ihr wisst nicht, wovon ihr redet. Wenn das eigene Leid übertroffen werde, reagiere man beleidigt, schliesslich sei die Auszeichnung durch das Leid umso grösser, je schlimmer die Erniedrigung war. Gleichzeitig misstrauten die Davongekommenen dem eigenen Trauma. Sie wollten sich selbst und die anderen davon überzeugen, dass das, was ihnen widerfahren ist, wirklich so schrecklich war. Im Erzählen steigere sich der Schrecken. Eine traumatisierte Kindheit verändere die Wahrnehmung, ähnlich wie Foltererfahrung. Nichts sei selbstverständlich. Es sei ihm früher unerklärlich gewesen, wie man sich im Westen über so belanglose Dinge wie das Essen oder Ikea-Möbel unterhalten könne. Er dachte, es sei Schauspielerei oder eine Verschwörung, die er nicht durchschaue. Auch in der Gegenwartsliteratur wundert er sich über die Belanglosigkeit, die vom Literaturbetrieb honoriert wird. Ihr redet harmlos und wisst es nicht zu schätzen, dass ihr harmlos reden könnt. Ihr sitzt im brennenden Haus und merkt nichts davon.
Jahrelang hatte Christoph sich die Frage, ob sein Roman autobiographisch sei, verbeten. Das gehe niemanden etwas an. Für den Roman spiele es keine Rolle, ob der Stoff erfunden oder erlebt sei. Für den Leser hingegen habe es Folgen, denn wer das Buch als Autobiographie lese, schaue durchs Schlüsselloch und interessiere sich nur noch für die Kindsmisshandlung. Dann jedoch sei es mit der Literatur vorbei. Das Schreiben des Romans hatte sieben Jahre gedauert, und je mehr das eigene Leben zum literarischen Stoff wurde, desto mehr wuchs der Abstand zwischen Erlebtem und Erzähltem. Wer aus Ressentiment schreibt, darf sich nicht gehen lassen. Ein solches Schreiben gelingt nur, wenn der Stil die Empörung abkühlt und dem Leser die Identifikation mit diesem Kind namens No verweigert.
Seit seinem dreizehnten Lebensjahr wusste Christoph D.Brumme, dass er Schriftsteller werden wollte. Er gehört zu den seltenen Menschen, die in der Literatur leben. Nie wäre es ihm eingefallen, sein Bücherregal nach dem Autorenalphabet zu ordnen. Zuerst kommen die Lieblingsautoren (Kafka, Dostojewski, Beckett, Benn, Flaubert, Balzac, Kertesz), dann geht es in zwangloser und doch völlig logischer Folge durch die Landschaften des Denkens und Sprechens. Geistesverwandtschaft ist das einzige Ordnungsprinzip.
Für die Geschwätzigkeit des westlichen Literaturbetriebs hatte Christoph D.Brumme nie etwas übrig. Wie Beckett würde er sich niemals für Interviews hergeben, meinte er gleich nach der Wende, als wir uns kennenlernten. Die Gelegenheit zur Verweigerung blieb allerdings aus. Bevor man Interviews ablehnen könne, müsse man erst einmal um eines gebeten werden, bemerkte er mit verhaltener Ironie, nachdem sein erster Roman erschienen war. Inzwischen sind zwei weitere Romane herausgekommen, ohne dass sich daran etwas geändert hätte. Dabei hatte Christoph angenommen, dass Schriftsteller es im Westen leichter haben würden. „Eine literarische Arbeit, die als Kunstwerk gelten will, sollte die Berechtigung dazu in jeder Zeile nachweisen“, so sein Credo. An seinen Büchern arbeitet er Jahre. Er streicht und verknappt, horcht jedes Wort daraufhin ab, ob es an der richtigen Stelle steht. Hinter diesem äussersten ästhetischen Anspruch an sein eigenes Schreiben stehe ein tiefes Schamgefühl. Er halte die Vorstellung nicht aus, dass ein Leser bei seiner Prosa Langeweile empfinden könnte, weil die Spannung in einem Satz nicht durchgehalten wird. Als Beispiel für die unbekümmerte Ignoranz des trendseligen westlichen Literaturbetriebs zitiert Christoph gern den Diskussionsbeitrag eines bekannten Kritikers: Wir wollen hier doch nicht über Sprache reden.
Wäre die DDR nicht untergegangen, hätte er seine Romane nicht schreiben können, davon ist Christoph D.Brumme überzeugt. Obwohl er politische Begriffe vermeidet, bleibt die DDR das Substrat seines Schreibens, als märchenhaft ferner Raum – eine untergegangene Welt, welche die Kraft behalten hat, Schicksale zu bestimmen. Eine Kindheit im Sperrgebiet prägt die Wahrnehmung anders als eine Kindheit in der übrigen DDR. Christophs Verhältnis zur DDR ist zwiespältig. Wenn Westler das Wort „Utopie“ in den Mund nehmen, redet er sich in Rage. Als Opfer eines derartigen Experiments wisse er, wovon er rede. Er hat einen Ekel gegenüber jeder Verheissung, dass der Mensch sich bessern könne. Der pathetische Hass auf die mediokre Diktatur der DDR ist die eine Seite, die Verklärung des Ostens die andere. Das erste Silvester nach dem Mauerfall verbrachte Christoph unter schwarzgekleideten Intellektuellen in Kreuzberg. Zu reden gab es nichts, und passieren tat auch nichts, „schaumgebremst“ sei die Stimmung gewesen. „Als ich nach Mitternacht rüber ging, wusste ich wieder, wo ich war.“ Im Osten habe an Silvester Krieg geherrscht; der gehemmte Alltag habe sich in Raketen und Knallern entladen. Dass andere Ostler das anders in Erinnerung haben, irritiert ihn nicht im mindesten.
Über den Osten hat Christoph tausend Geschichten parat. Wenn man an einen neuen Ort gekommen sei, zum Beispiel eine neue Arbeitsstelle, habe man jedesmal das Gleiche zu hören bekommen. Hier ist etwas ganz Schlimmes passiert. So schlimm, dass man es nicht erzählen kann. Wenn du wüsstest. Aber du wirst es schon noch merken. Nie habe man Genaueres erfahren. Jeder sei bereit gewesen, die Verschwörung zu wittern.
Dieses Unbehagen hat Christoph als Erbe des Ostens in den Westen mitgenommen, den er gern mit dem Wort Demokratie gleichsetzt. Diese aber steht unter Generalverdacht. „Wenn einer ein Kinderhilfswerk gründet, vermute ich sofort etwas Schlimmes dahinter.“ Sich selbst und die Gegenwart sehe er immer in einer extremen Gefahr, die ausser ihm niemand erkenne. Christoph schafft es, den Weltuntergang in so satten Farben auszumalen, dass man sich wundert, warum die Welt noch steht. „Ich bin auf Gefahren konditioniert, aber die Gefahr ist weg“, sagt er. Gleichzeitig besteht er darauf, dass man seine Prophezeiungen ernst nimmt, schliesslich hatte er den Mauerfall vorausgeahnt. In einem Jahr werden wir in Westberlin sitzen und Kaffee trinken, habe er einer Bekannten im Herbst 88 gesagt; die Mühe, einen Ausreiseantrag zu stellen, könne sie sich sparen.
Im Hof seiner Eltern hatte ein altes Straßenschild gelegen, Braunlage 7 km, es diente zum Abdecken eines Sandhaufens und rostete schon. Braunlage ist das Nachbardorf im Westen, über dessen Verkehrslage Christoph als Kind dank der Nachrichten im Deutschlandfunk besser informiert war als über die Paragraphen, die zu den Verhaftungen wegen des Verdachts auf Republikflucht führten. Beim ersten Mal war er sieben Jahre alt gewesen, in Begleitung von Vater und Bruder. Auf einer Radtour waren sie zu nah an den Grenzzaun gekommen, und eine Mine war explodiert. Fahrräder abstellen, Beine auseinander, abtasten, hinlegen. Kurz darauf die Nachricht: Ein Reh war der Staatsfeind.
Nach der Wende wollte Christoph die Strasse, an der einst die Welt zu Ende war, zu Fuss von Westen nach Osten gehen. Aus dem Fremden ins Vertraute zu kommen, sei wichtiger als umgekehrt. Es war aber nichts fremd. Kilometerweit ging er neben dem Autostau her. Mit der DDR ist das Sperrgebiet verschwunden, wie die Kindheit aus dem Leben des Erwachsenen. Nichts erinnert mehr an das verlassene, eingezäunte Leben im Grenzgebiet, an jene Zone, in der man mit dem Schlimmsten rechnen musste, wenn ein Kind von zu Hause ausriss, wie es der älteste Bruder einmal getan hatte, weil ihm eine Mark und fünfundsechzig Pfennige in der Sparbüchse fehlten und er Angst vor der üblichen Tracht Prügel seines Vaters hatte. Drei Tage blieb er verschwunden. Er hätte auf eine Mine laufen oder als Grenzverletzer erschossen werden können.
„Der Brocken war das mythische Zentrum meiner Kindheit“, sagt Christoph. Ausgerechnet die DDR hat dieser Geistergegend zu neuen Mythen verholfen, indem sie das Land wieder zum Grenzgebiet machte. Jedes Verbot reizt die Phantasie. In den alten Kupferstichen seien ihm die Schluchten des Westharzes viel gefährlicher, abenteuerlicher und geheimnisvoller vorgekommen als das, was er von seinen eigenen Wanderungen her kannte, erinnert sich Christoph. Der Westen hinter dem Brocken sei eine Welt ausserhalb der Welt gewesen, so nah wie unwirklich. Vom Schulbus aus konnten die Kinder den Wurmberg mit der Wurmbergschanze sehen, deren Auslauf seit der deutschen Teilung im Osten lag. Mit verkürztem Auslauf fanden trotzdem Wettkämpfe statt, und die Kinder konnten die Skispringer beobachten, wie sie im Westen von der Schanze segelten.
Zusammen mit einem Schulfreund hatte Christoph als Soldat einmal versucht, das militärische Sperrgebiet des Brocken zu besteigen. Sie dachten, im Schneesturm wären sie sicher. Nach zwanzig Minuten wurden sie gefasst, aber der Militärjeep konnte im Schnee nicht wenden und musste auf den Brocken hochfahren. So sahen sie durch die Ritzen in der Plane doch, was niemand sehen durfte. Nachdem die Nazis 1936 vom Brocken aus die Berliner Olympiade als erste Fernsehübertragung gesendet hatten, errichtete die DDR hier die grössten Abhöranlagen Deutschlands. Die Führungsstelle erhielt den Decknamen Urian, so hiess der Teufel in Goethes „Schauderfest“.
Heute ist es auch mit diesem Spuk vorbei. Wie vor hundert Jahren fährt die Brockenbahn wieder zum Gipfel. Das Brockenhaus wurde zum Museum umgebaut, und im ehemaligen Fernsehturm ist das teuerste Hotel der Gegend untergebracht, samt drei Restaurants und Souvenirladen. Zwei Millionen Besucher pro Jahr geben dem deutschen Berg die Ehre. Nur Christoph wird nie hinauffahren, denn seinen Brocken gibt es nicht mehr.
Im Wald hinter dem Dorf machen wir uns auf die Suche nach dem Lieblingsspielplatz seiner Kindheit, den ausser ihm niemand kannte: eine Lichtung mit einem vergessenen Wasserspeicher aus Beton. Stundenlang habe er als Kind dort gesessen und nachgedacht. „Die alten, alten Buchen“ – Christoph streicht mit der Hand über die schrundige Borke und fragt mich, ob ich gewusst hätte, dass Deutschlands grösster Buchenwald im Harz stehe. Der Boden ist schwarz und saftig, die Wege sind breit und weich. Wir müssen ins Gebüsch ausweichen, denn im Waldweg haben Forstfahrzeuge tiefe Furchen hinterlassen. Je näher wir dem verwunschenen Wasserspeicher kommen, desto lauter wird der Lärm; viele Bäume tragen rote Markierungen. Christoph winkt ab und wir kehren um – auch diese Erinnerung ist entweiht.
„Das Verrückte ist ja, dass der Harz wirklich schön ist, eine Schulung in Romantik“, sagt Christoph, als wir nach Berlin zurückfahren. Aber die Landschaft sei nicht unschuldig an den Menschen, die in ihr lebten. Vor ein paar Jahren war er zu einem Klassentreffen gefahren. Es habe nur zwei Fragen gegeben. Hast du ein Auto, und Bist du verheiratet. Einer aus der Klasse hatte als Offizier an der Grenze gedient, ein anderer war über die Grenze geflohen. Die Frage, ob der Offizier im Ernstfall auf seinen ehemaligen Klassenkameraden geschossen hätte, habe keinen interessiert. Sein Buch hatten die meisten gelesen, aber sie fanden es normal, dass in der Familie geprügelt wurde. Im Dorf wusste man von den Misshandlungen. Christophs Mutter hatte sich früher ehrenamtlich um die benachteiligten Kinder im Dorf gekümmert, denn als Mutter von sechs Kindern brachte sie die nötige Erfahrung für diese schwierige Arbeit mit. Die Landschaft präge das Verhalten, sagt Christoph - und doch habe ich das Gefühl, er wäre enttäuscht, wenn mich ihre Schönheit unbeeindruckt gelassen hätte. Wer die Schönheit der Landschaft nicht sieht, ist auch für ihren Schrecken blind.
In den Jahren, die seit unserer Reise in den Harz vergangen sind, ist Christoph D.Brummes Irritation über den Westen nur gewachsen. Dabei hatte er seinerzeit die Wende vorbehaltlos begrüsst – weder hatte er der Bürgerbewegung der DDR nahegestanden, noch sympathisierte er je mit der PDS. Allerdings hatte er als Kind einer Diktatur erwartet, dass im Westen die Vernunft regiere. Entsprechend gross ist seine Entrüstung, wenn er auf Bürokratie und unsinnige Verordnungen stösst. Er könne nicht verstehen, dass eine Gesellschaft mit einem solchen Potential ihre Ressourcen derart schlecht nutze, meint Christoph, und er lässt sich keine Absurdität entgehen, die im Spiegel zu lesen ist. Im Kosovo baute die deutsche Armee Hundehäuschen mit Laufanlage für 30'000 Euro pro Stück – das ist mehr Geld, als ein Sozialhilfeempfänger in Deutschland im Jahr erhält! Er sucht in seiner Kritik am Westen keine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Denn wenn Schriftsteller die Gesellschaft zu verändern versuchten, drohe in letzter Konsequenz die Guillotine. Derzeit ist Christoph D.Brumme auf der Suche nach einem Verlag für seinen vierten Roman, und er hat Russland entdeckt, das Alptraumland seiner Vergangenheit. Wenn es seine Finanzen erlauben und er ein Visum bekommt, fährt er für ein paar Wochen oder Monate nach Saratow an die Wolga, hält Vorträge und Seminare an der Universität, in der Bibliothek, beim deutschen Lesezirkel. In Russland eignet der Absurdität des Alltags eine tragische Dimension, ganz im Gegensatz zum demokratisch legitimierten Widersinn, den er bei Telefonaten mit der Krankenkasse oder seinen Besuchen auf dem Arbeitsamt erlebt – alles Stoff für einen Schriftsteller aus dem Osten, der zum Westen Distanz wahrt.
Sieglinde Geisel
(du 767. „Du ist Deutschland. Zu Gast bei Freunden“. Juni 2006)