Sieglinde Geisel Publikationen > Kinderbuch-Tipps

Was ist ein gutes Kinderbuch?

Mit Kinderbüchern verhält es sich wie mit Büchern überhaupt: Was an den schlechten schlecht ist, lässt sich leichter sagen, als was an den guten gut ist. Die Kriterien, die hier entworfen werden, sind vorläufig. Mit jeder neuen Lektüre können sie sich ändern.

 

In einem schlechten Kinderbuch gewinnen die Figuren keine Gestalt, deshalb interessiert man sich auch nicht für deren Schicksal (Gedanken, Gefühle, Pläne, Träume etc.). Die Handlung ist vorhersehbar und folgt einem Schema. Ein schlechtes Buch will seine jungen Leserinnen und Lesern zu besseren Menschen machen. Es ist voll von sprachlichen Klischees, weil der Autor versucht, sich bei seinem jungen Publikum anzubiedern. Doch vor allem ist ein schlechtes Buch langweilig: Wenn die Kinder beim Vorlesen nicht um ein weiteres Kapitel betteln, ist es ein schlechtes Zeichen.

 

Tolle Kinder-/Jugendbücher haben keine leeren Sätze. Sie teilen ununterbrochen etwas mit, was der Leser auf keinen Fall verpassen möchte. Sie entwickeln in der Sprache und in der Erfindungskraft eine Vitalität, die aus sich selber lebt. Sie sind wild oder still, unberechenbar oder behaglich (wie "Bullerbü"). Die Tollsten sind komplett verrückt (bisweilen tobt sich im Kinderbuch auch eine Phantasie aus, die im Erwachsenenbuch nicht möglich wäre, siehe Thomas Lehrs "Tixi Tigerhai"). Sie machen ihre Leser süchtig. Man möchte unbedingt wissen, was Karlsson sich (in "Karlsson vom Dach") als nächstes ausdenkt. Man ist gespannt, was Ferkel oder I-Ah oder Kaninchen (in "Winnie der Puh") als nächstes sagen, denn mit ihrer Art und Weise des Redens verraten sich nicht nur viel über sich selbst. Wir erkennen uns (und andere) in ihnen wieder.

 

Bilderbücher sollen in den Bildern mehr zeigen, als der Text erzählt. Der Text jedoch darf nicht nur eine Idee weiterspulen (ein sehr beliebter fauler Trick), sondern sie müssen den Kindern eine echte Handlung mit echtem Höhepunkt und echter Auflösung bieten. Bilderbücher für sehr kleine Kinder erproben die Quadratur des Kreises: Eine einfache Idee, die ergiebig, farbig, plastisch, fesselnd ist - wie z.B. Isabel Pins "Ein Regentag im Zoo" oder Ole Könneckes "Anton kann zaubern".