Sieglinde Geisel Publikationen > Bücher > Nur im Weltall ist es wirklich still

Das Lese- und Trostbuch für Lärmgeplagte

»Weil er sich durch Lärm belästigt fühlte, hat ein 52-Jähriger seinen 69 Jahre alten Nachbarn erschlagen. Anschließend zerstückelte er die Leiche und versteckte sie im Wald.« (Zeitungsmeldung)

Wer kennt ihn nicht, den Ärger mit den lauten Nachbarn, der vielbefahrenen Straße und dem Geschrei der Nachtigallen.
Schopenhauer, Proust und Kafka klagten über Lärm, Carlyle ließ sich ein schallisoliertes Studierzimmer errichten, bei Kant landete ein zu lauter Hahn im Suppentopf. Doch freilich: Nichts ist persönlicher als die Geräuschempfindung. Was für den einen schön ist, ist für den anderen Tortur. Angeblich kommt eine medizinische Studie zu dem Schluss, dass bei einem Umgebungslärm von 65 Dezibel das Herzinfarktrisiko um über 30% höher ist als bei 60 Dezibel – allerdings nur bei Männern, bei Frauen nicht. Warum das so ist, weiß niemand. Lärm muss nicht laut sein – auch ein tickender Wecker oder ein tropfender Wasserhahn können einen in den Wahnsinn treiben, während das ohrenbetäubende Brüllen eines Gebirgsbachs als natürlich und damit schön empfunden wird. Nur wer mit Geräuschen umzugehen weiß, kann sie ertragen.

Damit es niemandem so gehen muss wie dem 52-Jährigen aus der Zeitungsmeldung, hat Sieglinde Geisel dieses grundlegende und dabei höchst unterhaltsame Geräuschbuch geschrieben, in dem das Verhältnis des Menschen zur Akustik seiner Umwelt über die letzten 2000 Jahre hinweg betrachtet wird. Zahlreiche Ohrenzeugen von Horaz über Lichtenberg, Schopenhauer, Kurt Tucholsky bis John Cage und Hans Magnus Enzensberger kommen zu Wort. Sieglinde
Geisel beschreibt auch, was die Menschheit mit und gegen Lärm so alles tut: von der turbulenten Geschichte der Anti-Lärm-Vereine und der Anti-Lärm-Gesetze bis zu dem Paradox, dass die Welt immer lauter wird, weil immer mehr in ihren Autos aus den Städten in die Stille fliehen.

Kommentare

Kommentar von Annette Spitzlay | 06.04.2010

Liebe Frau Geisel,

nun sitze ich hier und ... fluche tatsächlich laut.
Die Notiz im Tagesspiegel habe ich zu spät gelesen, habe mich aber sofort auf die Suche nach Informationen gemacht --- und lese nun, dass Sie meine Frage die ich vielleicht gestellt hätte, mit der Musikwahl beantwortet haben. Cage's Suche nach der Stille, seine Erfahrungen zu diesem Thema und seine verblüffenden Schilderungen dazu: nun bin ich mir sicher, dass sie auch in Ihrem Buch ihren Platz finden.

Die Neugierde ist aber noch nicht befriedigt: wer spielte was von Cage? Wird man Sie so noch einmal in Berlin lesen hören?

Ehe ich jetzt noch mehr Fragen purzeln lasse, hoffe ich auf eine Antwort ... und wähle diesen Weg, weil ich über "Kontakt" immer scheitere ...

Herzlichst
Annette Spitzlay

Kommentar von Kery Felske | 16.04.2010

Liebe Frau Geisel,

Ihr Thema kommt für uns wie gerufen. Wir sind ein lautes und uriges "Volk" in unserer Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen. Gerade deshalb haben Pianist Michael Gees, Beuys-Schüler Jürgen Kramer und ich (Sängerin) uns mit Cage beschäftigt und gestalten am 30.04.2010 einen Abend zu Stille und Zufall incl. 4´33´´ von John Cage. In die Erarbeitung der Veranstaltung haben wir eine Gruppe Jugendlicher einbezogen, um ihnen die Möglichkeiten der Improvisation durch das Zulassen von Stille nahzubringen. Es ist eine hochspannende Arbeit, auch für uns selbst. Ich habe mal einen Stimmworkshop in einer Tropfsteinhöhle durchgeführt; drei Personen mussten rausgehen, weil sie die Stille noch viel weniger ertragen konnten als die Dunkelheit. Tinitus und Ohrenrauschen stellten sich bisweilen ein. Ich werde mir ihr Buch vormerken. Schade, dass es erst vier Tage vor unserem Konzert erscheint.
Falls Sie die Diskussion zu unserer Veranstaltung in einem Gelsenkirchener Forum erfolgen möchten http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/viewtopic.php?t=8046

Beste Grüße und viel Erfolg für Ihr Buch
Kery Felske

Kommentar von Jörg Jakob F. Schmid | 10.01.2011

Liebe Frau Geisel

Geniale Sternstunde im Schweizer Fernsehen, vielen Dank!

Weiterhin viel Erfolg.
Herzliche Grüsse aus Basel

Jörg Schmid

Kommentar von Angela Z. | 11.01.2011

Per Zufall etwas rumgezappt und in einer Wiederholung der Sternstunde gelandet. Das Gespräch mit Ihnen zum Thema Lärm und Stille wurde für mich zur persönlichen Sternstunde. Vielen Dank für die vielen tollen Impulse, Eindrücke und Zitate. Es war einfach phantastisch Ihnen zuzuhören.
Viel Glück weiterhin
Angela Z.

Kommentar von Dagmar Schön | 16.01.2011

Liebe Frau Geisel,

ich habe heute, 16.1.11, Ihr Sternstunden-Interview gesehen. Hat mir sehr gut gefallen, was Sie sagten. Es ist wahr, je lauter es im Inneren ist, umso weniger kann man Lärm im Äußeren ertragen. Trotzdem fehlt auch die Qualität der Stille im öffentlichen Raum.
Seit 3 Jahren gibt es deshalb ‚Stille in der Stadt’ bei der sich Menschen, die den inneren Raum der Stille kennen, diesen mit ihrer Stadt teilen können.
Es ist Gruppen- und Methoden ungebunden. München hat seit Jahrzehnten eine sehr große spirituelle Community, die man aber leider im öffentlichen Raum nie sieht. Da toben nur regelmäßig die lärmenden, besoffenen Fussballfreunde herum.
Auch von den ‚Spirituellen’ kommen noch immer sehr wenig zu den Stille-Treffen, glaube aber, dass das momentum noch zunehmen wird. Die ‚Stille’ liegt sozusagen in der Luft.
Falls Sie Münchner Freunde haben, die das interessieren könnte, bitte ich um Weiterleitung: Am 16. April geht es wieder los (falls es nicht regnet), in der Neuhauser str. 8 (beim Brunnen, links von der Michaelskirche). Von 16:30 bis 17:00. Es findet bisher zweiwöchentlich statt. Termine immer auf der Website: www.stille-in-der-stadt.de.

Ich war lange in Indien und habe dort angefangen oropax zu tragen, weil es überall sehr, sehr laut ist. Dagegen herrscht in Deutschland geradezu eine Friedhofsruhe überall.

Herzliche Grüße,

Dagmar Schön

Kommentar von Jürgen Friedrich | 17.01.2011

Liebe Frau Geisel,

mit "Ihrem" Lärm, der nur im Kopf entsteht, sind Sie mir sehr sympathisch. Punktgenau passt auch ES WERDE LICHT (nur) in den Kopf. -- Beiden Phänomenen habe ich ein paar Hau-ruck-Reime gewidmet. Hier zunächst 'die Musik'.

Herzliche Grüße
Jürgen Friedrich

Musik verhält sich zur Mystik
wie die Wirklichkeit zur Wissenschaft

Bewusstseinsforschung fand heraus,
die Welt gleicht einem Kartenhaus,
weil alles ist nur Illusion
-- ich wusste das vorgestern schon!

Aus der Musik hat Wissenschaft
alle Töne abgeschafft.
Für Wissenschaftler ist Musik
nur ein Fall von Akustik.

Beispielsweise glauben sie
an so was wie Polyphonie
aus Frequenz und Harmonie,
naturgesetzlich irgendwie.

Was sie dabei gar nicht stört
ist das, was gar kein Hörer hört,
sondern aus sich selbst heraus
hinzutut in den Ohrenschmaus.

Denn sollen Töne wirklich klingen,
muss auch im Hörer etwas schwingen
oder besser anders rum:
Schallwellen allein sind stumm.

So erweist sich die Musik
als Schlüsselfall für die Mystik:
Das Beste steckt im Hörer drinnen,
Glück und Klang kommen von innen.