Schreibritual

Ein Schreibritual ist die wirkungsvollste Maßnahme, um die Produktivität zu steigern. Wie muss man ein Schreibritual gestalten, damit es wirkt? Was ist ein Ritual überhaupt?

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Eine Tätigkeit wird zu einem Ritual, wenn sie regelmäßig erfolgt – das ist die einfachste Definition. Das Wort Ritual kommt aus dem religiösen Wortschatz: Ein Ritus ist eine religiöse Handlung, die zu bestimmten wiederkehrenden Zeiten ausgeführt wird.

Auch beim Schreibritual ist die Regelmäßigkeit der entscheidende Punkt. Wenn man es schafft, eine Schreibzeit fest in den Alltag zu integrieren, ist die wichtigste Hürde bereits genommen. Das Schreibritual selbst kann ganz unterschiedlich aussehen: von minimalistisch bis maximalistisch, je nach dem, wie viel Platz Sie dem Schreiben in ihrem Alltag einräumen. Für Einsteiger eignet sich ein minimalistisches Schreibritual: eine tägliche Viertelstunde assoziatives Schreiben, möglichst immer um die gleiche Zeit und am gleichen Ort. Der Philosoph Gilles Deleuze dagegen gehörte zu den Maximalisten. Auf die Frage,  wie er es schaffe, so viel zu schreiben, hatte er eine einfache Antwort: Von 9 bis 14 Uhr arbeite er in seinem Büro, und zwar komme, was da wolle. Diese Zeit war für Wichtiges reserviert. Erst am Nachmittag widmete er sich den vielen kleinen Dringlichkeiten, die sonst den Tag fragmentieren können.

Ich selbst bündle meine Schreibzeit am Vormittag jeweils in zwei Deep-Work-Phasen à 90 Minuten. Zu meinem Ritual gehört eine kurze Einstiegsmeditation – und das Abschalten sämtlicher Medien. Während der Deep Work-Phasen gibt es keine Telefonanrufe, keine Email, keine Social Media. „In den nächsten 90 Minuten dreht die Welt sich ohne uns“, so ein Yogalehrer am Anfang der Yoga-Stunde.

Entspannung und Konzentration

Die Schaffung eines Schreibrituals gehört zu jedem Schreibtraining. Warum ist es so wichtig, ein Schreibritual zu etablieren? Natürlich kann man auch einfach so schreiben, wann und wie es gerade kommt. Es ist nur nicht so effizient – und auch nicht so entspannt. Denn ein Schreibritual spart Energie. Wenn ich beim Aufstehen bereits weiß, dass ich von 8:30 bis 10:00 schreiben werde – komme, was da wolle –, erleide ich keinen Energie-Verlust durch das Entscheiden. Ich muss nicht mit mir selbst diskutieren, was ich heute zuerst mache, denn die Entscheidung ist bereits gefallen. Das sorgt für einen entspannten Tagesanfang.

Zugleich bündelt das Schreibritual meine Energie: Die Schreibzeit ist aus der Alltagsroutine herausgehoben, ich muss mich nicht gegen Ablenkungen wehren, weil ich sie ausgesperrt habe. In diesem Sinn ist ein Schreibritual sogar ein Stück spirituelle Praxis. In der Religion versetzt uns das Ritual in die Sphäre des Heiligen: Wir sitzen in der Kirchenbank, das Glockengeläut verklingt, das Orgelvorspiel beginnt – und wir werden innerlich ruhig, lösen uns von der Welt und dem Alltagsstress. Das Schreibritual erzeugt eine ähnliche Fokussierung, allerdings richtet sich meine Aufmerksamkeit nun nicht auf eine göttliche Instanz, sondern auf mich selbst – und auf das, was ich mit dem Schreiben suche, jage, entdecke.

Auf diese Weise steigert das Schreibritual zugleich die Produktivität und die Entspannung. Denn in einem Zustand, der zugleich entspannt und fokussiert ist, geht das Schreiben am besten. Wenn ich schreibe, schreibe ich, könnte man in Abwandlung des berühmten Zen-Spruchs sagen. Um nichts anderes geht es beim Schreibritual. Es erlaubt uns, einen besonderen inneren Raum zu betreten. Im religiösen Ritual ist dieser Raum sakral: Es geht darum, für die Gottheit empfänglich zu werden, sich zu zu etwas hin zu öffnen, das größer ist als wir selbst. Im Schreibritual dagegen werden wir empfänglich für uns selbst: Wir öffnen uns zu etwas hin, das größer ist als unser Bewusstsein.

Das Unbewusste anzapfen

Geben Sie sich Zeit, in sich hineinzuhören. Während des Schreibrituals ist das Schreiben verbunden mit einem Lauschen nach innen. Wir zapfen die unendlichen Weiten des Unbewussten an, denn das Unbewusste ist eine Ressource für effizientes Schreiben. Während uns das Bewusstsein uns in einen engen Tunnel der Aufmerksamkeit zwingt, versorgt uns das Unbewusste mit allem, was wir je gedacht, gefühlt, erlebt haben.

Laut der neueren Forschung finden 98 Prozent dessen, was im Gehirn geschieht, im Unbewussten statt. Es ist ein Segen, dass unserem Wachbewusstsein nur ein kleiner Ausschnitt davon zugänglich ist, sonst würden wir verrückt. Das Schreibritual ist eine Technik, die uns einen kontrollierten Zugang zu unserem Unbewussten verschafft. Das Unbewusste kann komplexere Beziehungen verarbeiten als der Verstand. Hier liegt unser Potenzial: Die Geistesblitze kommen aus dem Unbewussten, und auch die Muse hat dort ihren Sitz. Wenn es heißt, dass man komplexe Entscheidungen besser mit dem „Bauch“ fällen solle, so ist der Bauch ein Code-Wort für das Unbewusste. Beim Hauskauf beispielsweise liefert das Bewusstsein fleißig Pro- und Contra-Listen, es recherchiert Kosten und Amortisationsfristen, es wägt ab zwischen der schönen Aussicht und dem Lärm der Autobahn, die hinter dem Haus zu hören ist. Doch ob das Haus für uns das Richtige ist und wir darin glücklich werden, entscheidet sich nicht an den messbaren Dingen.

Ein Akt von Self Care

Mit dem Schreiben verhält es sich ähnlich. Das Unbewusste versorgt uns mit Ideen, auf die das Bewusstsein nie käme – und auf die auch niemand anders käme. Tiefe bekommt ein Text nicht durch das, was das Bewusstsein zusammentragen kann, sondern aus den Erfahrungen, dem Wissen und Erleben, die sich in unserem Unbewussten permanent im Austausch befinden.

Wenn Sie ein Schreibritual etablieren, verschaffen Sie sich einen geistigen Schutzraum für Expeditionen in unbekanntes Terrain. Sie schreiben Dinge, von denen Sie beim Aufstehen noch nicht ahnten, dass Sie sie wissen. Ein Schreibritual verschafft deshalb Sicherheit, weil gewisse Dinge festgelegt sind: die Tasse Tee beispielsweise, oder das Abschalten des Email-Programms. Das Ende des Rituals ist so wichtig wie sein Anfang. Wenn sich das Gehirn darauf verlassen kann, dass auf die intensive Arbeit eine Pause folgt, stellt es uns all seine Kapazitäten zur Verfügung. Wenn ich das andere Ufer sehe, bin ich bereit, beim Schwimmen an meine Grenzen zu gehen.

Damit ist das Schreibritual auch ein Akt von Self Care. Das klar definierte Ende der Schreibzeit garantiert, dass wir mit dem Schreibritual nicht in vertraute Stress-Muster verfallen. Ein Schreibritual ist Ausdruck von Autonomie. Sie sagen damit zu sich selbst: „Ich gebe mir diese Zeit, weil ich es mir wert bin.“

Wie beendet man ein Schreibritual? Die letzten fünf Minuten dienen der Revue und der Würdigung der eigenen Leistung. Machen Sie sich bewusst, was Sie in den letzten anderthalb Stunden geschrieben haben. Welche Einsichten haben Sie überrascht? Welchen Weg haben Sie schreibend zurückgelegt? Zum Abschluss können Sie die Aufgabe auf Ihrer To-do-Liste abhaken, und zwar mit Schmackes. Das ist nicht so lächerlich, wie es vielleicht aussehen mag. Dieser unscheinbare Akt der Selbst-Belohnung löst im Gehirn einen Endorphin-Schub aus – und der wird Ihnen helfen, das Schreibritual beizubehalten.

Bild:
Anton Laupheimer (1848-1927): Portrait eines schreibenden Mönches in seiner Klause.