(Bild: Sven B. Schnyder)

In diesem Gesprächsbuch ist Peter Bichsel ganz da. (Martin Ebel, SWR-Bestenliste)

Es hätte, rein als Interview, einen Literaturpreis verdient. (Manfred Koch, NZZ am Sonntag)


„Ihm fällt immer noch etwas ein“

Ein Interview von Stephanie Jaeckel mit Sieglinde Geisel über „Was wäre, wenn“ auf dem wunderbaren Blog Klunker des Alltags.

Ein Abend für Peter Bichsel

(9. Januar 2019, Kosmos, Zürich)

Mit: Julia Weber, Dorothee Elmiger, Nora Gomringer
Moderation: Sieglinde Geisel

«Hats schon angefangen? Ich habe gar nicht zugehört», meinte Peter Bichsel auf die erste Frage und hatte damit die Lacher und das ganze Publikum auf seiner Seite. Das blieb so, auch auf der Bühne im Zürcher Kosmos.
(Martin Ebel, Tages-Anzeiger)

Video

  • 0’00 – 5’30 Begrüßung Reto Bühler
  • 5’30 – 9’40 Einführung Daniel Kampa
  • 9’40  – 1h 54′ Lesungen und Diskussion auf dem Podium

Peter Bichsel
Was wäre, wenn?
Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel
Kampa-Verlag, Zürich 2018. 208 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3311140047

Klappentext

Peter Bichsel ist ein geborener Erzähler. Und das zeigt er auch im Gespräch mit Sieglinde Geisel: »Ihm fällt immer noch etwas ein, womit ich nicht rechne – der Idealfall von Gespräch.« Seit über fünfzig Jahren gilt Bichsel als Meister der literarischen Kurzprosa, fast vierzig Jahre lang hat er die Welt, die Menschen, die Schweiz und die Politik in seinen Zeitungskolumnen betrachtet. Er war Grundschullehrer und Redenschreiber. Querdenker, Raucher und Rotweintrinker ist er noch immer.

Mehrere Tage lang saßen Peter Bichsel und Sieglinde Geisel zusammen, in Bichsels Arbeitszimmer in Solothurn, in seiner Stammkneipe – und sprachen über alles: über die Vorteile der Mundart für das Schreiben, über Sozialismus und Solidarität, warum er auf die einsame Insel kein Buch mitnehmen würde, warum er an Gott glaubt, wohl wissend, dass es ihn nicht gibt, über die Langeweile im Paradies und die Unmöglichkeit, ohne Geschichten zu leben.

Vorwort

Von Sieglinde Geisel

Peter Bichsel war 29 Jahre alt, als er berühmt wurde. Im Jahr 1964 erschien in der Edition Walter Drucke das schmale Bändchen Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen, Marcel Reich-Ranicki schrieb eine hymnische Lobrede in der Zeit. Drei Jahre später folgte der Kurzroman Die Jahreszeiten, für den der Autor zuvor den Preis der Gruppe 47 erhalten hatte, und 1969 Kindergeschichten, bis heute sein erfolgreichstes Buch – Generationen von Schweizern sind mit der Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ aufgewachsen. Fünfzig Jahre lang hat Peter Bichsel Kolumnen und Geschichten geschrieben, jedoch nie einen längeren Roman. 2014 hörte er, kurz vor seinem 80. Geburtstag, mit dem Schreiben auf.

Die Gespräche, die diesem Band zugrunde liegen, wurden zwischen Februar und Juni 2018 in Peter Bichsels Arbeitszimmer in der Solothurner Altstadt geführt. Einmal trafen wir uns auch in seinem Haus in Bellach bei Solothurn. Der Taxifahrer konnte mit der Adresse, die ich ihm nannte, nichts anfangen, aber als wir vor dem Haus hielten und Peter Bichsel zur Tür herauskam, meinte er: „Ah, zu Peter Bichsel wollten Sie – hätten Sie das doch gleich gesagt.“

Es geht in diesem Buch um Schreiben und Lesen, Politik und Religion, Schweiz und Heimat, Liebe und Tod. Peter Bichsel sieht keinen Widerspruch zwischen Literatur und politischem Engagement. „Eine Literatur, die nicht engagiert ist, ist zufrieden mit den bestehenden Zuständen, sie muss demnach gar nicht geschrieben werden.“

In seinen Prosa-Werken wie Die Jahreszeiten, Der Busant oder Cherubin Hammer und Cherubin Hammer ist er ein dezidierter Vertreter der literarischen Moderne: Vor unseren Augen erfindet und demontiert er seine Figuren, man kann dem Schriftsteller beim Erfinden zuschauen.

Mit seinen Kolumnen wiederum hat Peter Bichsel die Schweiz politisch begleitet. Er ist ein Linker, aber kein Revoluzzer. Ein treues Mitglied der SP, der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, aber kein Lifestyle-Linker, wie man sie von der „Toskana-Fraktion“ in Deutschland kennt. Als Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard hat er von 1974 bis 1981 die Politik aus nächster Nähe kennengelernt, eine Erfahrung der Resignation: „Ritschard hatte geglaubt, da werde jetzt endlich einmal richtig regiert. Doch es war ganz anders.“

Peter Bichsels politische Haltung besteht in der Skepsis gegenüber jeder Herrschaft, jeder Mehrheit. Er denkt nicht in Gegensätzen, sondern dreht die Spirale der Argumentation dialektisch weiter, ohne sich dabei in intellektuellen Spekulationen zu verlieren. „Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen interessiert mich mehr als das Abenteuerliche. Mir scheint das Leben etwas sehr Ungewöhnliches.“

Peter Bichsel ist auf die denkbar freundlichste Weise radikal. Seine Geschichten sind Fabeln: Wir lachen über ihre Pointen und merken nicht, dass sie uns eine Moral vorführen, die wir eigentlich kennen, jedoch nicht in Worte fassen konnten. In dieser Subversivität liegt etwas Stillvergnügtes, Menschenfreundliches – auch dann noch, wenn er sich ärgert, beispielsweise über die Schweiz, die Totaldemokraten und die Profiteure.

„Erzählen ist Umgehen mit Zeit“, sagt Bichsel. Sein Umgang mit der Zeit ist zugleich ein Widerstand gegen die Zeit, in der wir leben – weil er sich Zeit nimmt. Er denkt nach, bevor er antwortet. Eine Bedächtigkeit, an die ich mich erst gewöhnen musste. Oft war ich mit dem Nachhaken zu schnell.

Nehmen auch Sie sich Zeit beim Lesen dieses Buchs. Peter Bichsel verschwendet keine Zeit, er nimmt sie sich – und macht etwas daraus. „Aber ohne Nutzen!“, höre ich ihn schon sagen. Denn nirgends ist das Misstrauen des Skeptikers Bichsel größer, als wenn es um den Nutzen geht, das alles beherrschende Prinzip der Effizienz. Gott – an den er glaubt, obwohl er weiß, dass es ihn nicht gibt – werde die Menschen vor dem Jüngsten Gericht zur Rede stellen: „Ich habe ja nur Dasein gemeint. Ich wollte, dass ihr da sein könnt!“

Ich habe die transkribierten Gespräche thematisch gebündelt, dabei manches umgestellt – und fast nichts weggelassen. Es gab keine Redundanzen, auch Wiederholungen hatten ihre Berechtigung. Wie im Leben kommt man beim Nachdenken immer wieder an den gleichen Punkt, man schraubt sich dabei unmerklich in die Höhe oder in die Tiefe, bis man erkennt, dass das eine wahr ist und das Gegenteil ebenfalls. Wir kehrten zu den gleichen Themen zurück, und doch war etwas anders. „Wir drehen uns im Kreis“, meinte Peter Bichsel einmal und zitierte ein Gedicht von Christian Morgenstern.

Wer denn?

Ich gehe tausend Jahre
um einen kleinen Teich,
und jedes meiner Haare
bleibt sich im Wesen gleich,

im Wesen wie im Guten,
das ist doch alles eins;
so mag uns Gott behuten
in dieser Welt des Scheins!

Sieglinde Geisel

Juli 2018

 

Pressestimmen

Martin Ebel (SWR-Bestenliste)

„Viele Antworten sind eigentlich Geschichten, Parabeln, kleine Fantasien. Wie die vom Jüngsten Gericht, wo Gott die Menschen fragt: Was habt ihr bloß angestellt? Ich habe ja nur da sein gemeint. In diesem Gesprächsbuch ist Peter Bichsel ganz da.“

Manfred Koch (NZZ am Sonntag)

„Auf die lebensspendende Kraft des Geschichten-Erzählens und Geschichten-Lesens (bzw. -Hörens) kommt Bichsel immer wieder zu sprechen. (…) Was wir gewöhnlich als belangloses Faktum verbuchen, gewinnt, in die Form einer Geschichte gebracht, eine aufregende Sinnhaftigkeit. So erhält die Welt ein Gesicht. Bichsel hat, kurz vor seinem 80. Geburtstag im März 2015, das Schreiben von Erzählungen und Kolumnen eingestellt. Sein Werk aber hat er mit diesem Gespräch fortgesetzt. Es hätte, rein als Interview, einen Literaturpreis verdient.“

Hans ten Doornkaat:

„gestern habe ich das 10. expl. deiner gespräche mit peter gekauft; 8 sind schon verschenkt, dieses gebe ich morgen weiter, und 1 ist seit erscheinen mein brevier.“ (Email an Sieglinde Geisel)